Chronik der Martin-Luther-Gedächtniskirche

 

Entnommen der Festschrift zum 50jährigen Jubiläum der Martin- Luther- Gedächtniskirche, im Wesentlichen verfasst von Pfr. Wolfgang See. Dort verwendete Quellen: Chronik von Günter Hulwa, nach Ende des Zweiten Weltkrieges zusammengestellt; Ansprache von Pfarrer Hansjörg Klein, 1960, anläßlich der 25-Jahrfeier; Erinnerungen von Berthold Schwarz, 1985

Teil 1 - Von der Idee bis zum Kirchbauentwurf
 

19./20. Jahrhundert: Mariendorf wird Stadt

Mariendorf wird ein Stadtteil von Groß-Berlin. Industrie siedelt sich an. Wohnblocks werden gebaut. Die Einwohnerzahl verdoppelt, verdreifacht sich.

Die alte Dorfkirche Mariendorf - ein Feldsteinbau aus dem 13. Jahrhundert, schon vor fast 800 Jahren geplant — ist längst viel zu klein geworden. Am Heiligen Abend oder bei Konfirmationen kann die Dorfkirche nichtmehr alle Besucher aufnehmen. Selbst für durchschnittliche Sonntage reicht der Platz nicht aus. Soll sie an- und ausgebaut werden, wie die Dorfkirche Rudow - wobei die denkmalswürdige Anlage zerstört würde?

So wird schon 1885 in Mariendorf überlegt.

 

Erste Bauverhandlungen

Im Jahr 1908 (Amtsantritt Pfarrer Riegers) kommt es bereits zu ersten Verhandlungen über den Bau einer "neuen" größeren Kirche mit dem evangelischen Konsistorium. Doch ein Kirchbau für Südende, das damals zur Parochie Mariendorf gehört, erhält Vorrang.

 

Der Baubeschluß

Nach einem schlimmen "Kohlrübenwinter" im Ersten Weltkrieg faßt die Kirchengemeinde Mariendorf am 22. August 1918, als der Kriegsausgang für das kaiserliche Deutschland schon absehbar ist, den mutigen Beschluß: Wir kaufen das Gelände des Sportvereins "Preußen" - gegenüber dem alten Rathaus und der Eckener-Schule, an der Kaiserstraße; dort bauen wir eine Kirche zum Gedächtnis des Krieges und seiner Toten!

Eine Kriegs-Gedächtniskirche? Eine Friedenskirche, sagen bald andere. Aber ist nun, bei der folgenden wirtschaftlichen Not und Arbeitslosigkeit, wirklich die Zeit gekommen, einen langjährigen Gemeindewunsch zu erfüllen und den Bau der "neuen" Kirche zu riskieren? Für fast 10 Jahre wird das Geld nur ausreichen, um den Bauplatz zu sichern... Der spätere Name Martin-Luther-Gedächtniskirche greift jene ersten Überlegungen auf und verbindet sie mit dem vierhundertfünfzigsten Geburtstag dos Reformators in den Tagen der Grundsteinlegung.

 

Der Kirchbauverein

Aber die Mariendorfer vollen ihre "neue" Kirche. Sie sparen und sammeln einen Baufond. Der Kirchbauverein, 1924 gegründet, verpflichtet seine Mitglieder zu regelmäßigen Beiträgen. Außer der Kirche soll ein Gemeinde- und Pfarrhaus gebaut werden. Nachdem gerade eine unvorstellbare Geldentwertung (Inflation) alle Bürger in wirtschaftliche Bedrängnis gebracht hat, planen die Mariendorfer ein großes kirchliches Zentrum.

 

Bau des Gemeindezentrums

Zuerst denken die Gemeindeglieder jedoch nicht an Gottesdienst oder gar Repräsentation,sondern an den Aufbau ihres kirchlichen Lebens. So entsteht 1927 das Gemeindehaus Rathausstraße 28 (Architekt Kurt Steinberg).

Bei der Planung sind bereits drei Gebäude im Blick: Die Kirche als überragender Mittelpunkt, flankiert von Gemeindehaus und Pfarrhaus - direkt gegenüber dem Rathaus. (Diese Vorstellungen werden rund vierzig Jahre später verwirklicht, wobei das Jugendforum als vierter Bau die Gesamtanlage zeitgerecht ergänzt).

Der Baustil für Gemeindehaus und Kirche wird gegen Ende der zwanziger Jahre gefunden. Er ist an dem alten Mariendorfer Rathaus (im Zweiten Weltkrieg zerstört) und der Eckener-Schule orientiert.

Als Bauwerk gehört die Martin- Luther- Gedächtniskirche damit nicht zur Architektur der Nazizeit.

 

Der Kirchenbauentwurf

Der Mariendorfer Gemeindekirchenrat beauftragt die kirchliche Baukommission am 27. März 1929, einen Entwurf vorzulegen. Dr. Kurt Steinberg, der schon das Gemeindehaus geschaffen hat und das landeskirchliche Bauamt leitet, entwirft Pläne. Sie finden die Zustimmung der Gemeinde. Ihre Ausführung wird vorerst zurückgestellt, bis die Baumittel vollständig vorhanden sind. Doch können die Gemeindeglieder im Saal des Gemeindehauses an einem Modell begutachten, was Dr.Steinberg vorhat. Sie äußern sich begeistert.

Pfarrer Klein (1960): "Sie merken, daß also im Wesentlichen doch alles so geworden ist, wie dieser Entwurf hier vorsieht. Der Turm wird mit Rücksicht auf die massigen Gebäude des Rathauses und der Eckener-Oberrealschule sehr wuchtig sein. Seine Höhe wird 51 Meter betragen. Auf einem massigen Rechteck steht ein durchbrochenes Oval: Die Glockenstube mit drei bis vier Glocken."

"Darauf ruht ein durchbrochener, kreisrunder Teil, der sich verjüngend ausmündet in das mehrere Meter hohe Kreuz. Drei Eingänge sind auf der Turmseite vorgesehen, dann die beiden Kapellen rechts und links vom Vorraum der Kirche für Taufen oder kleinere Trauungen. Der Fußboden des Kirchenschiffs senkt sich leicht zum Altar hin, um den Blick zur Kanzel und zum Altar immer frei zu lassen. Der Sakristei auf der einen Seite entsprechend, soll auf der anderen Seite ein Raum für die Kirchenbeamten, ihre Geräte usw. bereitgestellt werden. Im Turmraum ist die Orgel und Platz für etwa 100 Sänger vorgesehen. Die Kirche wird viele hohe Fenster haben und sehr licht sein. Es werden etwa 1200 Sitzplätze vorhanden sein"

Weiter zum zweiten Teil der Chronik ...