Theologischer Monatsgruß - Juni 2018

Hebräer 13 Vers 2: Gastfrei zu sein vergesst nicht;
denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

Was ich meinen Eltern immer noch hoch anrechne, war ihre Gastfreundschaft. Wann immer ich jemanden – manchmal überraschend – zum Essen mitbrachte, immer war Platz am Tisch. Ein Gedeck mehr schien meiner Mutter nichts auszumachen, im Gegenteil, sie unterhielt sich interessiert mit meinen Freunden. Auch Heiligabend waren wir selten unter uns: zu einer alten Estin aus dem Altenheim gesellte sich mitunter z.B. ein einsamer Nachbar.

Und andersherum ist meine stärkste Erinnerung an spontane Gastfreundschaft eine Wanderung auf der Mani im Süden des Peloponnes in Griechenland. Es war ein heißer Tag und wir waren bereits Stunden in der kargen Landschaft unterwegs, als am Horizont ein paar gekalkte Häuser auftauchten. Wir waren von weitem zu sehen. Als wir den Dorfrand erreichten, kamen uns zwei alte Frauen entgegen und hielten uns auf Tellern einen frisch zubereiteten Getreidebrei hin – als Zeichen der Gastfreundschaft. Es war das Beste, was sie hatten!

Die Bibel erzählt viele bewegende Geschichten von Gastfreundschaft. Bei einer bekommen Abraham und Sara Besuch. Ihre Gäste sind drei Fremde. Abraham bringt den Fremden Wasser, damit diese sich die staubigen Füße waschen können. Dann tischen er und Sara auf, was Zelt und Stall zu bieten haben. Überraschend erfährt das alte Paar von den Fremden, dass ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehen wird. Sie dürfen sich auf einen Sohn und neue Lebendigkeit freuen. (Genesis Kapitel 18)

Solche überraschenden Begegnungen und Veränderungen werden nicht selten ausgelöst durch Gastfreundschaft und Gäste. Wie viele bewegende Einsichten entstehen in der Begegnung mit fremden Menschen! Voraussetzung ist, dass die Gespräche nicht beim Smalltalk stehen blieben, sondern die persönlichen Lebensgeschichten berühren, auch wenn das manchmal schmerzhaft ist. Aber so können Gäste zu Botinnen und Boten Gottes werden, die spüren lassen, wofür die Zeit reif ist und dass noch vieles möglich ist.

In der Antike war es schöner Brauch, dass man den Fremden am Tisch erst im Anschluss an das Gastmahl nach seinem Namen und nach seiner Herkunft fragte. Gastfreundschaft ist nämlich frei von jeder Berechnung. Sie erstreckt sich nicht nur auf diejenigen, die man bereits kennt und bei denen man damit rechnen kann, dass sie sich irgendwann erkenntlich zeigen. So kann es geschehen, dass man unwillkürlich Engel beherbergt. Wenn wir Fremde in unsere Häuser und an unsere Tische einladen, dann erweitert sich oft genug unser begrenzter Horizont. Wir erfahren etwas über das Leben der anderen und dabei nicht selten auch über uns selbst. Und manchmal, ja manchmal ist sogar die „engelhafte“ Erkenntnis dabei: Ganz anders könnte man leben!

Wer Gastfreundschaft erlebt hat, wird leichter Türen und Hände öffnen. Ist nicht jeder Fremder und Nächster zugleich und im schönsten Falle ein Gastfreund, ein Gast? Eine Willkommenskultur, die die Gastfreundschaft bewahrt, braucht keine Obergrenze, solange der Kühlschrank voll ist. Bewirten wir mal wieder - und andersherum: Lassen Sie sich einladen, wenn es jemand überraschend tut!

Ihr Uli Seegenschmiedt