Theologischer Monatsgruß - Oktober 2018

Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen war dir nicht verborgen.
Psalm 38,10

In jeder Lebenslage kennen wir das Gefühl von Sehnsucht, mag es uns materiell auch noch so gut gehen. Immer bleibt etwas zurück, das scheinbar unerfüllt geblieben ist. Danach sehnen wir uns.

Wir haben einen unglaublich schönen Sommer hinter uns. Für viele Menschen sind hinsichtlich des Wetters Träume in Erfüllung gegangen. Für viele ja, aber längst  nicht für alle? Schon nach vier Wochen Sonnenschein kamen Bedenken auf. Bauern und Gärtner sahen bereits ihre Ernte bedroht. Deren Sehnsucht nach Regen für eine gute Ernte stand im Gegensatz zu der Sehnsucht eines gewöhnlichen Arbeitnehmers, der sich danach sehnt, im Sommer während seines Strandurlaubs möglicht keinen Tropfen Regen abzubekommen. Das zeigt, Sehnen und Sehnsucht ist, wie nichts anderes, ein sehr individuell und häufig kontrovers angelegter Begriff.

Welches Sehnen mag den Verfasser des Psalms bewogen haben, eine solche Formulierung zu wählen: „… mein Seufzen war Dir ncht verborgen.“ Ist sein Sehnen bereits erfüllt worden oder liegt diese Erfüllung noch bevor. In den Jahrhunderten vor unserer Zeit zumindest in den Ländern des Wohlstands hatte das Sehnen nach Sicherheit und der Verbesserung der eigenen Lebenssituation noch einen ganz unmittelbaren Stellenwert. Abgesehen von den Ländern der Dritten Welt geht es in der Welt, in der wir leben dürfen, gegenwärtig nicht so sehr um den Kampf ums Dasein.
Vielmehr steht bei vielen Menschen unseres Kulturkreises das Sehnen nach Sicherheit, Liebe, Wertschätzung und Beachtung im Vordergrund.  Gleichwertig scheint in einer unsicherer scheinenden Welt aber auch die Sehnsucht nach Frieden zu wachsen.

Vielen Menschen fällt es schwer, spontan und endgültig zu beantworten, wonach sie sich sehnen. Man muss schon tief in sich gehen, um für sich selbst eine Antwort zu finden und erkennt dabei auch: dieses Sehnen kann in den verschiedenen Lebensphasen und Situationen unterschiedlich sein.

Endlos wird die Zahl der Begriffe, nach denen man sich sehnen kann. Da ist die Sehnsucht und das Streben nach Liebe und Glück. In der amerikanischen Verfassung hat dieses sogar einen Rechtscharakter.

Wer das Sehnen in diesem Sinne als ein Streben nach dem Besseren und als Hoffnung versteht, steht im Glauben!

Heinrich Becker