Theologischer Monatsgruß - Februar 2019

Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen
gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll
(Röm 8,18)

Hoffnung und Gewissheit

Mein lieber Scholli! Kann das wirklich wahr sein – und kann man das getrost, wie ich es getan habe, mit Hoffnung und Gewissheit überschreiben?
Das klingt mir doch verdächtig nach uralter zynischer Vertröstung; klingt nach Herrscherparolen, die damit Unterdrückung kaschieren und das Volk stillhalten wollten. Aber Gott will die Herrlichkeit hier und jetzt, er will es für das Leben vor dem Tode!

Die Vergegenwärtigung der Leiden vieler Millionen Menschen kann doch niemanden ungerührt lassen. Leidende in Schmerz, Krankheit, Armut, weil sie einen geliebten Menschen verloren haben… Opfer von Krieg und unmenschlichen Ideologien – zurückliegend am 27. Januar haben wir den Gedenktag der Shoah (Holocaust) begangen. Und es sind nicht nur die Millionen der Vergangenheit – diese Leiden sind gegenwärtig, immer noch und immer wieder. Wir sind es den Opfern schuldig – den zurückliegenden, den heutigen und all den künftigen –, nicht zu vergessen. Denn es gibt keine Zukunft ohne Erinnern. Nur wenn ich mich erinnere, kann ich im Jetzt richtig handeln, um Zukunft zu gestalten.

Es gibt ein Sprichwort: Schweigen und Dulden macht kein Verschulden. Ich kenne kein anderes Sprichwort, das falscher wäre als dieses. Wir sind es den unzähligen Opfern von Unmenschlichkeit schuldig, nicht zu schweigen und nicht zu dulden! Sondern aufzustehen und laut zu werden gegen alles Menschen- und Lebensfeindliche. Wir gehören an die Seite der Leidenden. Eine Gebetszeile, die ich immer mal wieder gern einsetze, lautet: Gib uns Tränen, damit niemand allein weinen muss.

Es klingt hilflos! Das ist es! Aber so wird – wunschgemäß – an uns ChristInnen die lebendige Hoffnung der Gotteskindschaft ansichtig. Wir müssen schauen, wo liegt das Potenzial, wo liegt die Kraftreserve, die mich aus der eigenen Lähmung oder Resignation befreien kann. Die Hilflosigkeit wird bleiben, die Untätigkeit darf nicht bleiben.

Nicht aufgeben! Das Böse nicht tun und das Gute tun und so zu zeigen: so geht es auch! Nicht aufgeben – die Hoffnung in meinem Leben verwirklichen, auch wenn das immer seine Grenzen haben wird. Nicht aufgeben – gemeinsam nach Antworten suchen.

Leid in Einsamkeit ist kaum zu ertragen. Einsames Leid wird uns überwinden. Gemeinsam stellt sich das schon ganz anders dar. Denn dann ist gemeinsames Leid auch schon geteiltes Leid; zu sehen: Ich bin nicht alleine. Und wo mehrere sind, wird in allem Leiden auch immer irgendwo ein Hoffnungsschimmer sein; der eine steuert diesen bei, die andere jenen, und das kann der erste Schritt heraus aus der Lähmung sein: sich gegenseitig ermutigen.

Jawohl – holt sie zusammen, die leidenden Kreaturen; und zeigt: darin sind wir alle gleich! All unser Leid hat Gott selbst gefühlt in menschlichem Körper, in menschlichem Leben – in Jesus Christus. Denken wir uns Gott nicht als den Allmächtigen und Obercoolen, der irgendwo da oben sitzt und es sich gut gehen lässt. Nein – hier unten ist er, Gott, der Hoffnungslose, der nichts mehr tun kann. Ganz unten! Er ist bei diesem Haufen mit dabei – und er hat überwunden. Der erste Schritt, gewagt aus geteilter Erfahrung heraus; er hat ihn gemacht. Jesus Christus hat sich befreit aus der Lähmung, und er will uns mitnehmen.

Der Römerbrief – geschrieben von Leidenden für Leidende; von Leidenden, die sich behütet wissen, an Leidende, die sich noch alleine wähnen; geschrieben an jene, die meinen, alles sei zu Ende, von jenen, die wissen: der erste Schritt, der Anfang ist gemacht.

Und da sind wir: der Anfang ist gemacht, und die spannende Frage ist: Fortsetzung folgt?? Eine Frage, die nur wir beantworten können, niemand wird uns das abnehmen. Eine Frage, auf die wir die Antwort sind! Darauf setzt Paulus. Er sagt nicht: Reißt euch zusammen! Er sagt: Schaut genau hin! Lassen wir uns lähmen?? Danach fragt er; befragt uns. Glaube kann nicht untätig bleiben, Glaube bewegt! Nach unserer Bewegung fragt er!

Paulus sieht mehr: er sieht Gott, und er sieht Gottes Kinder, die offenbar werden, wenn sie sich denn herausrufen lassen ins Leben – ein Leben, das sie gestalten; ein Leben, dem sie ein Gesicht geben – gemeinsam; ein Gesicht, aus dem das Antlitz Gottes, das Antlitz Jesu Christi strahlt. Ein Leben, in dem Todesmächte ihren Platz nicht mehr bekommen.

Wir schulden den Leidenden Hoffnung; wir schulden den Leidenden unsere Hoffnung, sonst sind sie verloren…… und wir auch.

Ihr D. Lippold