Die Gemeinde ist Mitglied in der Nagelkreuzgemeinschaft

Nachdem der Gemeindekirchenrat es im November 2002 beschlossen und beantragt hat, wurde es am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, dem 27. Januar 2003, im Gedenkgottesdienst für die Opfer des Faschismus Wirklichkeit:

Unsere Gemeinde ist Mitglied der Nagelkreuzgemeinschaft! In der Martin-Luther-Gedächtniskirche wurde das NAGELKREUZ VON COVENTRY aufgestellt!

Das Nagelkreuz in der Martin-Luther-GedächtniskircheDas Kreuz aus drei circa 30 cm langen Eisennägeln ist ein Zeichen der Versöhnung:

Im zweiten Weltkrieg griff die deutsche Armee Mittelengland an, um die dortige Rüstungsindustrie zu zerstören. Die Bomben trafen jedoch die Stadt und zerstörten am 14./15. November 1940 die Kathedrale von Coventry. Der damalige Dompropst Richard Howard fand in den Ruinen der Kirche dicke Eisennägel aus dem Dachgestühl, fügte sie zu einem Kreuz zusammen und im darauf folgenden Gottesdienst betete er nicht nur für die Opfer des deutschen Bombenangriffs, sondern auch für die Täter. Mitten im hasserfüllten Weltkrieg im Angesicht der Opfer griff er dabei die Worte Jesu am Kreuz auf, "Vater vergib!" (Lk 23,33: Vater vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!), und ließ diese Worte in die Chorwand der Ruine einmeißeln.

Nach dem Ende des Krieges setzte die Gemeinde dies christliche Anliegen der Versöhnung unter verfeindeten Völkern und Menschen fort und besuchte deutsche Gemeinden, denen sie ein Nagelkreuz übergab zum Zeichen der Versöhnung.

Die Geschichte und die Versöhnungslitanei von Coventry können Sie hier nachlesen.

So kam ein Nagelkreuz aus Coventry in den Kirchenkreis Tempelhof und nach einem kurzen Aufenthalt in Mariendorf-Süd gelangte es nach Mariendorf-Ost, wo ein Ständer aus Eisenträgern mit den beleuchteten Worten, Vater vergib, hergestellt wurde.

Seit dem 27. Januar 2003 steht dieses Nagelkreuz aus Coventry in der Martin-Luther-Gedächtniskirche!

Die Mariendorfer Leitungsorgane sind sich schnell einig geworden, dass unsere Martin-Luther-Gedächtniskirche der angemessene Ort in unserer Region für das Nagelkreuz ist. Denn unsere Kirche erzählt mit ihrer Innenausstattung (Triumphbogenornamente, Bilder auf Taufstein und Kanzel) von der Zeit des Nationalsozialismus. Einige Orgelregister ertönten vor Einbau in unserer Kirche auf dem Reichstag der NSDAP 1935 in Nürnberg. So bildet sich eine hoffentlich befruchtene Spannung zwischen dem Auftrag des Nagelkreuzes einerseits und dem Ambiente der Martin- Luther- Gedächtsniskirche andererseits.

Als ein Zeichen der Versöhnung zu verstehen ist die Tatsache, dass der Gottesdienst mit Zeitzeugen, je einem Pfarrer der drei Mariendorfer Kirchengemeinden und vor allem der Kantorin der jüdischen Gemeinde in der Oranienstraße gefeiert wurde.

Erlösung von Hass und Vorurteilen, von Menschenverachtung und Gleichgültigkeit, von Geschichtsgefangenheit und Traditionswahn gibt es nur durch Vergebung. Vergebung aber geschieht nur, wo wir uns erinnern, wer wem was und vielleicht auch noch warum angetan hat, wenn die Erinnerung zeigt, wer womit an anderen schuldig geworden ist!

Die lange Zeit seit der Schreckensherrschaft Hitlers ist wie ein Pflaster des Schweigens und Vergessens, das die Wunde nur zudeckt. Doch darunter gärt und eitert es; die Wunde aber heilt, wo sie offen liegt.

Darum ist die Erinnerung an die geschehene Unmenschlichkeit der Schlüssel zur Erlösung, denn die Erinnerung an das Grauen ist Voraussetzung für Vergebung und Versöhnung. Möge das Nagelkreuz aus Coventry unsere Gemeinde dazu ermutigen und bewegen!          

Pfr. O. Köppen im März 2003